"Ai Weiwei"

Trotz aller unfassbaren Anfeindungen in seinem Land hat sich Ai Weiwei entschlossen, seine weltweit größte Einzelausstellung im Martin-Gropius-Bau, in Berlin durchzuführen. Auf 3000 qm in 18 Räumen und im spektakulären Lichthof zeigt er Werke und Installationen, die eigens für den Martin-Gropius-Bau entstanden oder noch nie in Deutschland gezeigt wurden.

„Evidence“ nennt er seine Ausstellung, nach jenem Wort, welches uns aus amerikanischen Krimiserien bekannt ist: der Beweis, möglichst gerichtsfest. Es ist eine politische Ausstellung, die Ai Weiwei für Berlin in seinem einfachen und schönen Studio am dörflichen Stadtrand von Peking entwarf.

Ai Weiwei ist Künstler, Architekt und Politiker. Kaum eines seiner Werke kommt ohne versteckte Anspielungen aus, sei es auf binnenchinesische Verhältnisse, sei es auf das große Thema ‚China und der Westen’. Man muss die historischen und politischen, oft ironischen Botschaften in seinen Werken lesen, die er gleichsam wie eine Flaschenpost in die Welt schickt.

Ai Weiwei ist einer der berühmtesten Künstler weltweit, und doch steckte die chinesische Staatsmacht ihn illegal für 81 Tage in die Zelle eines Geheimgefängnisses (81, 2014), in der 24 Stunden Licht brannte und die er nie verlassen durfte, Tag und Nacht beobachtet von zwei Wärtern. Die Handschellen wie jene, in denen er während der Haft an einen Stuhl gefesselt war, bildete er in edler, höchst kostbarer Jade nach (Jade Handcuffs, 2013).

Willkürliche Verhaftungen und Korruption tagtäglich, das ist es was chinesische Bürger erleben. Ai Weiwei will das nicht hinnehmen. Er fordert Redefreiheit, Gewaltenteilung, Mehrparteiendemokratie. Und er nutzt die unendlich variierbare Formensprache der Konzeptkunst, um eben dies auszudrücken in einem Land, in dem Meinungsfreiheit nicht existiert.Er ist auch in China einer der berühmtesten Künstler. Chinesische Regierungspropaganda versuchte in den letzten Jahren, ihn aus dem öffentlichen Bewusstsein zu entfernen. Er darf in keinem Museum Chinas ausstellen. Flugs machte Ai Weiwei das Internet zu seiner Dauerausstellung: hervorragend seine mittlerweile verbotenen blogs wie auch sein aktueller Auftritt auf Instagram. Zwar kann er in seinem Studio arbeiten, doch vor seinem Tor sind ein Dutzend Überwachungskameras angebracht. Ironisch kommentiert er das, indem er an diesen rote Laternen anbrachte und sie in Marmor nachbildete (Marble Surveillance Cameras, 2010). Das Handeln der Staatsmacht wird Teil seiner Konzeptkunst. Zwar darf er in China reisen, doch jeder seiner Schritte wird von Undercoveragenten überwacht. Seinen Paß hat man ihm entzogen, ins Ausland darf er nicht reisen. Unter den Werken und Installationen, die im Martin-Gropius-Bau zu sehen sein werden, findet sich die goldene Kopie jener Zodiac-Skulpturen (Golden Zodiac, 2011), die einst von Chinesischen Handwerkern in Bronze gegossen und von den Europäern Castiglione und Benoist entworfen waren (um 1750). Sie waren Teil einer Art Sonnen- und Wasseruhr und befanden sich in einem vom Kaiser in Auftrag gegebenen Gartenabschnitt voller Gebäude im europäischen Stil. 1860, nach dem Ende des Zweiten Opiumkrieges wurde der gesamte Garten von beutegierigen Engländern und Franzosen, die Peking erobert hatten, um ihren Opiumhandel in China durchzusetzen, geplündert und in Brand gesteckt. Einige der bronzenen Zodiac-Figuren gelangten damals nach Europa und hielten, als sie 2008 auf einer Auktion der Kunstsammlung von Yves Saint-Laurent in Paris auftauchten, die chinesische Welt in Atem. Ai Weiwei bestreitet, dass diese Bronzefiguren wie die Regierung behauptet, nationale Schätze Chinas seien, vielmehr sieht er sie als globale Schätze. Wenn Ai Weiwei für die Ausstellung im Gropiusbau die umstrittenen pazifischen Diaoyü-Inseln (Diaoyu Islands, 2013) in Marmor, gebrochen in einem Steinbruch nahe Peking, nach bilden lässt – aus eben jenem Marmor, den die Kaiser von China einst für die Verbotene Stadt und die heutigen Machthaber für das Mao-Mausoleum nutzten, dann will er einen heute die Welt bedrohenden Konflikt der globalisierten Welt in künstlerische Form giessen. Es sind diese raschen Umsetzungen aktueller politischer Ereignisse und Fragen in Kunst, welche einige der wichtigsten Installationen des Künstlers kennzeichnen. So die verdrehten Armierstähle, welche an das schreckliche Erdbeben in Sichuan (Forge, 2008-2012; Forge bed, 2008-2012) und seine 80.000 Toten erinnert, und damit an Misswirtschaft und Korruption. Ähnlich sein großes Werk „1800 Milchpulverdosen“, das er erstmals 2013 in Hongkong zeigte – ein Kommentar zu jenem weltbekannten Skandal, durch den Kinder in China wegen nachlässiger Kontrollen durch verseuchtes Milchpulver vergiftet wurden. Oft sind es auch antike chinesische Materialien, die Ai Weiwei einsetzt. Er spricht gelegentlich davon, dass er die Affekte des Betrachter durch kontradiktorische Elemente hervorlocken will. Etwa wenn er alte Keramikgefäße der Han-Zeit (202 BC – 220 AC) in Autolack taucht, in Farben wie sie bei deutschen Luxusautos in Peking derzeit sehr beliebt sind (Han Dynasty Vases with Auto Paint, 2013). Mit Serialismus, den es schon in alten buddhistischen Tempeln gibt, wie mit Minimalismus, der gedanklich bereits in der Song-Zeit (960-1126) sichtbar ist, geht er spielerisch um, transferiert die ihm geläufigen Etyme chinesischer Kunst in die heutige ‚Universalsprache’ global agierender Konzeptkunst.

2008 wurde Ai Weiwei von der Stadtregierung von Shanghai eingeladen, ein sehr großes Studio zu errichten. Doch als es fertig war, ließ die Regierung es – willkürlich - in nur einem Tag abreißen. Weil der Künstler es gewagt hatte, die Regierung zu kritisieren. Ai Weiwei aber kreierte aus den Resten seines Studios ein Kunstwerk: „Souvenirs from Shanghai“ (2012), bestehend aus dem Schutt des Studios. Im großen Lichthof im Gropiusbau montiert der Künstler 6.000 einfache hölzerne Stühle (Stools, 2014), wie sie auf dem Land seit der Ming-Zeit (1368-1644), seit hunderten von Jahren also, Verwendung finden. Ein eindrucksvoll ästhetisches, pixelartiges Werk entsteht. Diese Stühle, so Ai Weiwei, seien Ausdruck einer Jahrhundert alten Ästhetik des ländlichen China. Ai Weiwei führt mit uns im Westen ein Gespräch über China. Seine Konzeptkunst war (und ist), als er nach seine Rückkehr aus New York 1993 damit begann, revolutionär für China, ein Land, das den Künstlern bis dahin nur bestimme Ausdrucksformen gestattete. Wer Formen kontrolliert, der kontrolliert auch Inhalte. Ai Weiwei widersteht der Kontrolle, er führt auf seine Weise einen Diskurs über freies Reden und Schreiben. Ai’s große Vorbilder sind Marcel Duchamp, Andy Warhol, wie auch Giorgio Morandi.

Aber Ai sieht sich auch in der Tradition des Chan (Zen)-Philosophen Hui Neng (638-713). Ai sieht in ihm den radikalen Verfechter des ungebundenen Ausdrucks, jemanden der sich gegen die konfuzianisch-buddhistische Orthodoxie seiner Zeit auflehnte. Noch in der Kulturevolution (um 1969) zerstörten die Roten Garden seinen Tempel im Süden Chinas, wo er noch heute (wieder) verehrt wird.

 

 

Antragsteller/in KBB - Berliner Festspiele - Martin-Gropius-Bau

Veranstaltungstermin 3. April bis 13. Juli 2014

Veranstaltungsort Martin-Gropius-Bau

Förderbetrag 50.000 € 2014 50.000 € 2013

Kooperationen Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds

Internetseiten www.gropiusbau.de

Ai Weiwei, 2012, © Gao Yuan

Stools (Hocker), 2013 Hölzerne Hocker aus der Qing-Dynastie (1644–1911) © Ai Weiwei

Han Dynasty Vases with Auto Paint (Han-Dynastie-Vasen mit Autolack), 2013 Vasen aus der Han-Dynastie (202 v. Chr.–220 n. Chr.) und Autolack © Ai Weiwei

1914 - Das Ende der Belle Époque

2014 jährt sich zum hundertsten Mal der Beginn des Ersten Weltkriegs, der Europa nachhaltig veränderte und zum Untergang einer prachtvollen Ära führte, die im Nachhinein als Belle Époque bezeichnet wurde. Das Bröhan-Museum mit seinen reichen Beständen zum Jugendstil präsentiert zu diesem Anlass eine große Ausstellung, die diese im Ersten Weltkrieg untergegangene europäische Kultur thematisiert. Die Ausstellung lädt das Publikum ein, den Glanz der Belle Époque, aber auch deren Widersprüche und letztlich ihr Scheitern zu erleben.

 

Die Belle Époque ist eine Welt der rauschenden Ballnächte, der durch das neue elektrische Licht hell erleuchteten Kaffeehäuser, der Flaneure auf großzügigen Boulevards. Aber sie bedeutet ebenso Wohnungen in feuchten, dunklen Hinterhäusern und stupide Fabrikarbeit an ersten Fließbändern. In der Belle Époque feierte die Emanzipation der Frau erste Erfolge; im Zuge der Reformbewegung wurden der Vegetarismus, der Antialkoholismus, die Antiraucherbewegung und die FKK-Bewegung geboren. In der Gestaltung manifestiert sich der Aufbruch in ein neues Jahrhundert in den exquisiten Jugendstilentwürfen, aber auch in den ersten maschinell und industriell gefertigten Produkten, die den Weg zu Bauhaus und Funktionalismus weisen.

 

Über 300 Objekte lassen den Besucher der Ausstellung in die Welt der Belle Époque eintauchen. Zu sehen sind Gemälde, Plakate, Möbel, Porzellan, Glas, Textilien und Metall. Die Leihgaben stammen aus bedeutenden Museen und Institutionen sowie von Privatsammlern. Der hochrangige Jugendstil-Bestand des Bröhan-Museums ist in die Ausstellung – die umfangreichste Schau in der Geschichte des Hauses – integriert und wird in einer veränderten Ausstellungsarchitektur neu präsentiert.

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog. Es findet ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Führungen, Konzerten, Buchpräsentation, Belle Époque-Abend und Kinderveranstaltungen statt.

Antragsteller/in Bröhan-Museum, Landesmuseum für Jugendstil, Art Deco und Funktionalismus

Veranstaltungstermin 15. Mai bis 31. August 2014

Veranstaltungsort Bröhan-Museum

Förderbetrag 190.000 €

Internetseiten www.broehan-museum.de

AVANTGARDE!

Die Ausstellung AVANTGARDE! zeigt ein europäisches Panorama der Moderne zwischen 1890 und 1918. Es war die Blütezeit künstlerischer Emanzipationsbewegungen, die sich in rasch wechselnden Kunstideologien wie Symbolismus, Neoimpressionismus, Jugendstil, Expressionismus, Futurismus und Dadaismus mit revolutionärem Gestus zu Wort meldeten. Künstler erhoben den Anspruch, die Welt zu verändern, und nutzten die Macht der Medien für die Propagierung ihrer künstlerischen Überzeugungen. Ihre Netzwerke und Kommunikationsmedien sind das Thema dieser Ausstellung. Im Mittelpunkt stehen mit mehr als 700 Exponaten die Archive und Museumssammlungen der Kunstbibliothek und der Staatsbibliothek. Die Kunstgeschichte der Moderne ist als eine Geschichte ihrer Medien neu zu entdecken.

 

Sie unterteilt sich thematisch in zwei Ausstellungsteile:

 

Teil I Die Welt von Gestern. Deutschland und die europäische Moderne 1890-1914

 

Im ersten Teil der Ausstellung repräsentieren herausragende Beispiele der Plakatkunst, der Gebrauchsgrafik und Buchkunst den künstlerischen Aufbruch in die Moderne vor dem Ersten Weltkrieg als europäisches Phänomen. In einer Auswahl von ca. 110 Plakaten, 50 Blatt Buch- und Zeitschriftengrafik und Akzidenzdrucken werden programmatische künstlerische Haltungen auf der Suche nach einem neuen Stilverständnis einerseits und einer neuen Hinwendung zum Zeitgemäßen andererseits vorgestellt. Vor allem in dem noch jungen Medium Bildplakat werden künstlerische Botschaften einer neuen, teils auf radikale Reduktion ausgerichteten Ästhetik verkündet. Es sind innovative, heute bereits ikonische Bildentwürfe von den Beggarstaff Brothers, Jules Chéret, Ludwig Hohlwein, Henri de Toulouse-Lautrec, Lucian Bernhard und anderen. Der Begriff der Moderne avancierte zur Programmatik einer Bewegung, die in Zeitschriften, Büchern, internationalen Ausstellungen, im Kunsthandel und über Kunstvermittler wie Julius Meier-Graefe Plattformen eines ästhetischen Dialoges fand, der nationale Vorurteile zu überwinden trachtete. Im Mittelpunkt steht dabei die Rezeption dieser Moderne in Deutschland und die europäische Geisteshaltung, die Stefan Zweig eindrucksvoll in seinen Erinnerungen"Die Welt von Gestern" beschrieben hat.

 

Teil II Worte in Freiheit. Rebellion der Avantgarde 1909-1918

 

Die Ausstellung präsentiert das kommunikative und publizistische Netzwerk der Avantgarden Futurismus und Expressionismus. Seit der Begriff Avantgarde sich aus seinem militärischen Zusammenhang gelöst hatte, stellte ihn die Kunst in ihre Dienste, als Metapher für eine Formation, die vor dem Heer operiert und in feindliches Gebiet eindringt. Diese Selbstinszenierung als Avantgarde spiegelt sich vor allem in den publizistischen Strategien, die sich nicht nur durch eine bestimmte Rhetorik, sondern durch besondere Textsorten, vor allem Manifeste, auszeichnen. In den spektakulären Auftritten und Publikationen der Avantgardisten entwickelte sich ein eigener Vermittlungstypus von Kunst und Literatur. Ein eigens entwickeltes Ausstellungsdesign wird den Besucher in ein Labyrinth von Manifesten, Zeitschriften, Fotografien und Briefen führen, das visuell überraschende Kontexte und neue Sichtachsen auf die Kunst des 20. Jahrhunderts eröffnet. Die historische Logik der Kunstismen, ihre radikale Konkurrenz und ihre internationale Topographie, werden von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verfolgt.

Die Ausstellung zeigt eine Auswahl aus den Sammlungen der Kunstbibliothek, des Kupferstichkabinetts und der Staatsbibliothek Berlin. Das Sturm-Archiv von Herwarth Walden spielt dabei eine zentrale Rolle. Zugleich wird das Archiv des Sammlers Egidio Marzonas in einer repräsentativen Auswahl gezeigt und das Kulturforum als Standort der Forschung profiliert.

Antragsteller/in Stiftung Preußischer Kulturbesitz

Veranstaltungstermin 6. Juni - 12. Oktober 2014

Veranstaltungsort Kulturforum

Förderbetrag 80.000 €

Kooperationen Eine Ausstellung der Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin in Kooperation mit der Staatsbibliothek - Preußischer Kulturbesitz, Staatliches Institut für Musikforschung - Preußischer Kulturbesitz

Internetseiten www.smb.museum/aus...b52135ec27f0

Ernst Deutsch: Asta Nielsen. "Komödianten" von Urban Gad, 1913. Lithographie, 184,3 x 109,0 cm. Staatliche Museen zu Berlin, Kunstbibliothek

Filippo Tommaso Marinetti: Zang Tumb Tuuum Parole in libertà, 1914. Buchdruck, 20,4 x 14,1 cm. Archiv Egidio Marzona

Guillaume Apollinaire an Herwarth Walden, Paris, 18. Mai 1914. Postkarte, Tinte auf Karton, 9 x 14,2 cm. Staatsbibliothek - Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung, Sturm-Archiv

Bigger Than Life. Ken Adam's Film Design

„Bigger Than Life“: Das ist nicht nur der Titel einer umfassenden Ausstellung über einen der innovativsten und einflussreichsten Production Designer des 20. Jahrhunderts, sondern ebenso die Philosophie seiner Arbeit. Sir Ken Adam verantwortete das Production Design für über 70 Filme, in denen er seine Risikobereitschaft und die ihm charakteristische Art, „groß“ zu denken, unter Beweis stellte. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter zwei Oscars für BARRY LYNDON (GB/USA 1975, Regie: Stanley Kubrick) und THE MADNESS OF KING GEORGE (GB/USA 1994, Regie: Nicholas Hytner). Seine Arbeit für sieben James-Bond- Filme, von DR. NO (GB/USA 1962, Regie: Terence Young) bis MOONRAKER (GB/FR 1979, Regie: Lewis Gilbert), machte Ken Adam zur Design- und Architekturikone.

 

Im Jahr 2012 hat Ken Adam sein künstlerisches Werk der Deutschen Kinemathek übergeben – über 4.000 Zeichnungen zu Filmen aus allen Schaffensperioden, dazu Fotografien und Filme, biografische Zeugnisse und zahlreiche Ehrungen, darunter die beiden Oscars. „Es ist faszinierend und beglückend, die Entwicklung von Ken Adams einzigartigem Production Design mit einer derartigen Fülle an Objekten von der ersten visuellen Idee bis zum vollständig ausgearbeiteten Entwurf nachvollziehen zu können. Sir Kens Handschrift ist unverkennbar, sein Einfluss auf Kollegen kaum zu überschätzen. Ich bin sicher, sein Archiv wird auch in Zukunft zu den meist nachgefragten Schätzen der Deutschen Kinemathek gehören“, kommentiert der Künstlerische Direktor Dr. Rainer Rother.

 

Das Museum für Film und Fernsehen wird zum ersten Museum, das nicht nur eine umfassende Retrospektive zu Adams OEuvre zeigt, sondern dabei einen neuen Blick auf ein Ausnahmetalent des Production Designs richten kann. Es werden zahlreiche unveröffentlichte Zeichnungen, Briefe und Fotografien präsentiert, gerahmt von szenografischen Räumen, die Ken Adams bisheriges Leben und wichtige künstlerische Einflüsse zeigen. Seine Berliner Herkunft und die Flucht ins Londoner Exil, auch seine revolutionäre Arbeitsweise und die Wirkung auf eine jüngere Generation von Production Designern und Architekten werden in der Ausstellung thematisiert. Sie fächert Ken Adams kreativen Gestaltungsprozess auf und macht das Handwerk des Production Designers vielschichtig erlebbar. 250 ausdrucksstarke wie dynamische Zeichnungen aus dem Ken Adam Archiv zeigen Orte höchster Intensität und beschreiben die Entstehung filmischer Bildwelten. „Lines in Flow“, eine spektakulär inszenierte Medieninstallation öffnet Ken Adams immersiven „Denkraum“ und macht den Vorgang des Zeichnens, Entwerfens und Gestaltens sinnlich erfahrbar. Die Bandbreite seiner Arbeit wird in Form motivischer Cluster verdeutlicht. Gezeigt werden Gadgets sowie Amphibienfahrzeuge, Schnellboote oder laserbestückte Satelliten, beeindruckende Machtzentralen, Gefängnisverliese, gigantische Abschussrampen und elegante Luxusinterieurs. Eigens für die Ausstellung gebaute Modelle übertragen Adams Zeichnungen ins Dreidimensionale.

 

Seine zumeist im Atelier gebauten Filmsets schufen einen neuen Stil, der als „Adam Style“ in die Filmgeschichte einging und die Sehgewohnheiten des Zuschauers bis heute nachhaltig

prägt.

 

2015 wird die Deutsche Kinemathek das Ken Adam Archiv in einer Online-Präsentation veröffentlichen und so dieses einzigartige Werk über die Ausstellung hinaus würdigen.

Antragsteller/in Deutsche Kinemathek - Museum für Film und Fernsehen

Veranstaltungstermin 11. Dezember 2014 bis 17. Mai 2015

Veranstaltungsort Deutsche Kinemahtek - Museum für Film und Fernsehen, Potsdamer Str. 2, 10785 Berlin

Förderbetrag 185.000 €

Internetseiten www.deutsche-kinemathek.de

Entwurf „War Room“ (invertiert) für DR. STRANGELOVE OR: HOW I LEARNED TO STOP WORRYING AND LOVE THE BOMB GB/USA 1964, Regie: Stanley Kubrick © Sir Ken Adam Quelle: Deutsche Kinemathek – Ken Adam Archiv

Entwurf „Bank" für PENNIES FROM HEAVEN USA 1981, Regie: Herbert Ross © Sir Ken Adam Quelle: Deutsche Kinemathek – Ken Adam Archiv

Ken Adam am Set des „Pyramid Control Room" MOONRAKER, GB/F 1979, Regie: Lewis Gilbert Foto: Patrick Morin © 1979 Danjaq, LLC and United Artists Corporation. All rights reserved

Dorothy Iannone. This Sweetness Outside of Time

In der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nimmt die US-Amerikanerin Dorothy Iannone eine besondere Stellung ein. Sie vereinigt in ihrem Werk, das sich inzwischen über fünfzig Jahre erstreckt, Malerei und Bilderzählung, autobiografisches Schreiben und Filmen. Seit den 1960er Jahren gilt sie als eine Pionierin im Kampf gegen Zensur, für freie Liebe und weibliche Sexualität. Künstlerisch und konzeptuell geht sie bis heute kompromisslos ihren eigenen Weg.

 

Dorothy Iannones großes Thema ist die ekstatische Liebe. Die Gemälde, Bilderzählungen, Texte und Bücher dieser Vorreiterin für die sexuelle und intellektuelle Emanzipation der Frau speisen sich kompromisslos aus dem eigenen Leben. Iannones Kunst wurde immer wieder wegen angeblich pornografischer Inhalte zensiert. Doch ist unübersehbar, dass ihre Darstellungen der geschlechtlichen Vereinigung von Frau und Mann eine mysthische Dimension besitzen, die von einer geistigen wie körperlichen Einheit der Gegensätze ausgeht. Hier verankert sich ihre Bildwelt in der Kulturgeschichte und interpretiert auf eine moderne und persönliche Weise Aspekte vorderasiatischer Religionen, etwa des Buddhismus.

Die Retrospektive hat sich zum Ziel gesetzt, die Intermedialität und radikale Subjektivität dieses einzigartigen künstlerischen Lebenswerks abzubilden, in welchem Bild, Text, Film und Klang immer wieder komplexe Beziehungen eingehen. Es ist ein zentrales Anliegen der Ausstellung, die innovative Kraft und das Zeitgenössische der Kunst Dorothy Iannones heraus zu arbeiten und sie einem breiten Publikum bekannt zu machen.

Antragsteller/in Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur

Veranstaltungstermin 20. Februar bis 2. Juni 2014

Veranstaltungsort Berlinische Galerie

Förderbetrag 140.000 €

Kooperationen Medienpartner: rbb Kulturradio, ExBerliner, Missy Magazin, Weltkunst, bpigs, Tip Berlin

Internetseiten www.berlinischegalerie.de

Hans Richter - Begegnungen

Hans Richters (1888-1976) Lebenswerk umspannt fast 70 Jahre. In Berlin geboren, ist er einer der bedeutendsten Protagonisten der Moderne. Berlin, Paris, München, Zürich, Moskau und New York sind Stationen seines Lebens. Er erlebte die entscheidenden Ereignisse der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts aus nächster Nähe – vom Ersten Weltkrieg über den Spartakusaufstand und die Weimarer Republik bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten.

 

Richter ist Maler und Zeichner, Dadaist und Konstruktivist, Filmemacher und Theoretiker und auch ein großer Lehrer. Seine großen Rollbild-Collagen sind heute Ikonen der Kunstgeschichte. Wie bei kaum einem anderen Künstler des 20. Jahrhunderts findet sich in seinem Werk eine große Durchlässigkeit zwischen künstlerischen Disziplinen. Die Verbindung von Film und Kunst ist sein großes Thema. Viele der berühmtesten Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren seine Freunde..

 

Erstmals seit den 1980er Jahren ist diesem großen Berliner Künstler wieder eine Ausstellung in seiner Heimatstadt gewidmet, mit über 140 Werken, darunter seine wichtigen Filme und etwa 50 Arbeiten jener Künstler, die sich von Hans Richter beeinflussen ließen. Er arbeitete Seite an Seite mit dem „Who’s Who“ der Avantgarde, wie Hans Arp, Marcel Duchamp, Viking Eggeling, Max Ernst, Fernand Léger, Kasimir Malewitsch, Man Ray, Kurt Schwitters. Wie kein anderer verstand er es, den Dialog zwischen Intellektuellen und Künstlern der verschiedensten Gesinnungen und Disziplinen zu fördern.

 

Multimedial arbeitete Hans Richter schon zu einer Zeit, als dieses Wort noch nicht erfunden war. Den Film sah er als Teil der Modernen Kunst: "Der absolute Film öffnet Euch die Augen, was die Kamera ist, kann und will." Gezeigt wird, wie Richter seine die Disziplinen übergreifende Arbeitsweise verstanden hat und welchen Effekt sein Werk auf die Kunst des 20. Jahrhunderts hatte.

 

Antragsteller/in KBB - Berliner Festspiele - Martin-Gropius-Bau

Veranstaltungstermin 27. März bis 30. Juni 2014

Veranstaltungsort Martin-Gropius-Bau

Förderbetrag 200.000 €

Kooperationen In Zusammenarbeit mit dem Los Angeles County Museum of Art (LACMA) und dem Centre Pompidou Metz. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Partner: WALL, ALEXA, BTM-Visit Berlin, DB, Ameuropa, US Botschaft, Bouvet Ladubay Medienpartner: Tagesspiegel, zitty, rbb fernsehen, Exberliner, Weltkunst, City iLIKE GmbH

Internetseiten www.gropiusbau.de

Hans Richter Vormittagsspuk / Ghosts Before Breakfast, 1928 s/w, 35mm, ca. 7 minutes © Estate Hans Richter

Hans Richter Blauer Mann, 1917 Öl auf Leinwand, 61 x 48,5 cm © Kunsthaus Zürich, Geschenk Frida Richter, 1977 © Estate Hans Richter

Ich kenne kein Weekend. Aus René Blocks Archiv und Sammlung.

Mit der Ausstellung Ich kenne kein Weekend. Aus René Blocks Archiv und Sammlung widmet sich der Neue Berliner Kunstverein in Kooperation mit der Berlinischen Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur und dem Lentos Kunstmuseum Linz dem vielfältigen und interdisziplinären Wirken des Galeristen und Ausstellungsmachers René Block. Blocks Karriere begann 1964 in West-Berlin, wo er seine Galerie mit der legendären Ausstellung Neodada, Pop, Décollage, Kapitalistischer Realismus eröffnete und damals unbekannte Künstler wie Joseph Beuys, Nam June Paik, Sigmar Polke, Gerhard Richter oder Wolf Vostell präsentierte. Indem er früh intermediale Kunst, Fluxus und Happening förderte, hat René Block maßgeblichen Anteil an der Neo-Avantgarde. Als Leiter des Bereichs Bildende Kunst des DAAD sowie des Instituts für Auslandsbeziehungen, des Museums Fridericianum, des Kunstraums Tanas und als Initiator und Leiter zahlreicher Biennalen weltweit hat Block eine einzigartige Geschichte des Aufspürens, Zeigens, Sammelns und Ausstellens moderner Kunst geschrieben. Der Neue Berliner Kunstverein präsentiert Kunstwerke und Lieblingsstücke aus der kuratorischen Arbeit von René Block seit 1964. Im Mittelpunkt der Präsentation in der Berlinischen Galerie stehen Materialien, Dokumente, Fotografien und Filme aus dem Archiv Block. Ferner sind Kunstwerke zu sehen, die anlässlich zahlreicher Ausstellungsprojekte entstanden sind.

Antragsteller/in Neuer Berliner Kunstverein - n.b.k. - Marius Babias

Veranstaltungstermin Neuer Berliner Kunstverein: 16. September 2015 – 24. Januar 2016; Berlinische Galerie 16. September 2015–15. Februar 2016; Lentos Kunstmuseum Linz 18. März–5. Juni 2016

Veranstaltungsort Neue Berliner Kunstverein; Berlinischen Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie Architektur; Lentos Kunstmuseum Linz

Förderbetrag 100.000 €

Kooperationen Berlinischen Galerie – Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur; Lentos Kunstmuseum Linz

Internetseiten www.nbk.orgwww.berlinischegalerie.dewww.lentos.at

Joseph Beuys, René Block, Aufbau der Ausstellung Ja, jetzt brechen wir hier den Scheiß ab, Galerie René Bock, Berlin 1979 Foto: Christiane Hartmann

René Block in der Galerie vor Gerhard Richters „Prinz Sturdza“ (1964), 1966 Foto: KP Brehmer / KP Brehmer Nachlass, Berlin

René Block im Büro seiner Galerie mit Plakat Hommage à Berlin, 1969 Foto: KP Brehmer / KP Brehmer Nachlass, Berlin

Lore Krüger

Magdeburg, London, Mallorca, Barcelona, Paris, Marseille, Trinidad, New York, Wisconsin, Berlin – Stationen einer abenteuerlichen Flucht. Eine bewegende, existenzielle Odyssee Mitte des 20. Jahrhunderts. Die deutsch-jüdische Fotografin Lore

Krüger erlebt und überlebt Emigration, Widerstand, Verhaftung, Internierungslager,

Verfolgung und Exil nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten und während des Zweiten Weltkrieges. Ihre Kamera hat sie immer dabei. So erschafft sie einzigartige, historische Dokumente zwischen intimen Privatfotografien, Auftragsarbeiten,Sozialstudien und abstrakten, fotografischen Experimenten. Ihre beeindruckenden

Bilder geben nicht nur einen tiefen Einblick in das Leben europäischer Intellektueller im Exil, sondern auch einen seltenen, persönlichen Blick auf die politischen Ereignisse jener Zeit – jenseits schon bekannter fotojournalistischer Reportagen oder Propagandabilder der jeweiligen Kriegsparteien. Die Entdeckung des fotografischen

Nachlasses Lore Krügers ist ein Glücksfall, der anhand ihres Schicksals einen neuen und unmittelbaren Zugang zur Zeitgeschichte ermöglicht.

 

Lore Krügers Fotografien sind dabei stark geprägt von der im Kontext des Bauhauses entstandenen Strömung des sogenannten Neuen Sehens, aber auch von den damaligen künstlerischen Strömungen wie Kubismus, Dadaismus und Surrealismus. Sie gehört in Paris zu den Künstlern, die die fotografische Bildsprache vom rein reproduzierenden zu einem produzierenden Medium zu erweitern suchten. Als

Schülerin der großen Fotografin und Bauhaus-Absolventin Florence Henri erlernt Lore Krüger in Paris das fotografische Handwerk sowie den freien, experimentellen Umgang mit diesem Medium. So experimentiert sie im Labor mit der Technik der

Montage, des Fotogramms und der Mehrfachbelichtung. Schnell macht sie sich jedoch

von den reinen, ästhetischen Studioaufnahmen ihrer Lehrerin unanhängig und wendet sich dem realen Leben auf der Strasse zu. So entstehen unter anderem die Serie „Gitans“ im Wallfahrtsort Saintes-Maries-de-la-Mer und soziologische Reportagen über Provinz, Arbeiter und Bourgeoisie in Frankreich.

 

Nicht mehr nur Muse oder Modell sondern selbst Künstlerin – Lore Krüger steht mit ihrer Arbeit zudem für die neue, emanzipierte Stellung der Frau innerhalb der Avantgarde der 1930er und 1940er Jahre. Neben Künstlerinnen wie Sonia Delaunay, Hannah Höch, Florence Henri oder Claude Cahun gilt Lore Krüger mit ihren Fotografien

als Pionierin der Bildenden Künste. Hinzu kommt ihre starke Politisierung durch die Ereignisse in Deutschland und ihre Erfahrungen im Exil. Sie hat regen Austausch mit den Intellektuellen der Zeit – Anna Seghers, László Radványi, Walter Benjamin und Alfred Kantorowicz. Zudem ist sie in New York aktiv an der Gründung der antifaschistischen Exilzeitschrift „The German American“ beteiligt, in der viele bekannte Schriftsteller veröffentlichen. C/O Berlin präsentiert weltweit als erste Institution eine große Retrospektive von

Lore Krüger. Die Ausstellung umfasst ca. 100 schwarz-weiße Originalabzüge sowie weitere Exponate wie Bücher und zeithistorische Dokumente und wurde kuratiert von Felix Hoffmann (C/O Berlin) in Zusammenarbeit mit Cornelia Bästlein und Irja Krätke. Die Ausstellung war nur durch die spezielle Hilfe der Kinder von Lore Krüger,

Susanne Buchner und Ernst-Peter Krüger, möglich. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog bei Edition Braus – herausgegeben von C/O Berlin mit einem Vorwort von Felix Hoffmann und Texten von Katharina Sykora, Cornelia Bästlein und Irja Krätke. Mit dieser Werkschau schließt C/O Berlin an eine Reihe von Ausstellungen an, in denen bisher unveröffentlichte Arbeiten gezeigt wurden – wie etwa Jerry Berndt (2008), Fred Herzog (2010) und Anja Niedringhaus (2011).

Antragsteller/in C/O Berlin Foundation

Veranstaltungstermin 24. Januar bis 10. April 2015

Veranstaltungsort C/O Berlin Foundation im Amerika Haus

Förderbetrag 40.000 €

Internetseiten www.co-berlin.org

Porträt Lore Krüger, Paris, 1935

Porträt, 1938

Afrikanische Maske, Lochblech, o.J.

MEIN KAMERAD - DIE DIVA.. Theater an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs

Das Projekt MEIN KAMERAD – DIE DIVA widmet sich anlässlich des 100sten Gedenkjahres des Ersten Weltkriegs mit einer Ausstellung, einer Begleitpublikation und einem Symposium dem Thema: Theater an der Front und in Gefangenenlagern des Ersten Weltkriegs.

Das Theaterspiel bot für die Kriegsgefangenen und Soldaten des Ersten Weltkriegs nicht nur eine willkommene Abwechslung, sondern auch die Möglichkeit, das Grauen der Fronterlebnisse für eine kurze Zeit zu vergessen. Damenimitatoren gehörten in jedem Gefangenen- und Fronttheater dazu. Das Spiel mit den Rollen brachte so auch „die Frau" in das Leben nahezu isolierter Männergesellschaften – ausgewählte Gefangene und Soldaten wurden im Damenfach häufig als Stars gefeiert.

War das Theaterspiel Teil einer Selbsttherapie, um der allgegenwärtigen Angst vor Verwundung und Tod an der Front zu begegnen? Wie war es in den Kriegswirren überhaupt möglich Theater zu spielen? War es schlichte Ablenkung vom grauen, fremdbestimmten Kriegsalltag oder waren die Damenimitatoren Projektionsfläche für sexuelle Phantasien? Wie vereinbarte sich das Bild eines „heldenhaften Frontkämpfers“ mit dem eines Damendarstellers in Korsett und Spitzenhöschen? Diesen Fragen geht das Projekt nach. Der Blick richtet sich hierbei nicht einseitig auf deutsche Kriegsbühnen, sondern auch auf französische, englische und russische Gefangenen- und Fronttheater. Neben seltenen Exponaten aus verschiedenen Archiven, wie der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln, der Deutschen Kinemathek und vielen anderen, werden äußerst rare zeitgenössische Filmaufnahmen in der Ausstellung gezeigt.

In der ausstellungsbegleitenden bebilderten Publikation, die im September im Verlag edition text+kritik erscheint, setzten sich deutsche und internationale Wissenschaftler mit dem Thema auseinander. Ein Symposium findet zu einem späteren Termin in der Humboldt Universität Berlin statt.

 

Antragsteller/in Schwules Museum*, Anke Vetter

Veranstaltungstermin 5. September bis 30. November 2014

Veranstaltungsort Schwules Museum*, Lützowstraße 73, 10785 Berlin

Förderbetrag 70 000 €

Kooperationen Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln Deutsche Kinemathek — Museum für Film und Fernsehen, Berlin Der Theaterverlag — Friedrich Berlin GmbH

Internetseiten www.kamerad-diva.de

Pasolini Roma

Die Ausstellung "PASOLINI ROMA" beschäftigt sich mit dem italienischen Schriftsteller und Filmemacher Pier Paolo Pasolini (1922-1975) mit Blick auf seine Beziehungen zu Rom. Pasolini in Rom: das heißt Poesie, Politik, Begeisterung für das Großstadtleben, Sex, Freundschaft und Kino.Pier Paolo Pasolini ist eine der herausragenden und schillerndsten Persönlichkeiten des intellektuellen Europas der Nachkriegszeit. Als Lyriker in der Sprache seiner friaulischen Heimat, als Autor von Romanen und kulturkritisch-politischen Essays und Kolumnen, als Regisseur polarisierender Filme, aber auch als Zeichner und Maler richtete sich sein Blick in erster Linie auf zeitlose, archaische Themen: das Schicksal des Menschen, das bäuerliche Leben, die Religion, die Sexualität, der Tod. Dabei bewegte er sich stets außerhalb gängiger Normen, fand Bilder von außergewöhnlicher Klarheit und Schärfe und wurde dabei zum größten Provokateur der italienischen Gesellschaft.

Durch die mediale Präsenz der letzten Lebensjahre und erst recht nach seinem gewaltsamen Tod ist Pasolini längst zu einer Ikone der Postmoderne geworden. Autobiografie und Selbstdarstellung sind bei weitem nicht das einzige, aber doch ein wesentliches Thema der Werke, die wie Satelliten um das Ich ihres Autors, seine Widersprüche und seinen Platz in einer sich verändernden Welt kreisen. Nicht zuletzt war es Pasolini selbst, der durch eine Flut von Prätexten, Selbstkommentaren und medialen Inszenierungen die Grenzen zwischen Leben und Werk verwischte. Nahezu 40 Jahre nach seinem Tod wird die Frage, wer Pasolini denn war, erneut aufgeworfen. Dabei bedarf es des Blicks auf den „ganzen“ Pasolini, das heißt: das Leben und das Werk, den stilistischen Reichtum und die mediale Vielfalt, aber auch auf die gesellschaftspolitische Hellsichtigkeit und die exzessive Provokation dieses hoch komplexen Künstlers, der in letzter Zeit eine jüngere Generation wieder beschäftigt, gerade durch die Relevanz seiner konsum- und sozialkritischen Botschaft unter den veränderten Vorzeichen der globalisierten Gesellschaft. Die Ausstellung ist nach zeitlichen, künstlerischen und toponymischen Aspekten gegliedert. Mit Hilfe von Multimedia fließen die Topoi Kunst, Literatur, Architektur, Film und Leben zusammen. Pasolini gilt als bedeutendster Dichter Roms der Nachkriegszeit. Er hat mit seinen Gedanken, Schriften und Filmen jüngere KollegInnen maßgeblich beeinflusst und bedeutsame Zeitabschnitte der italienischen Geschichte künstlerisch verarbeitet. Die Schau besteht aus sechs chronologischen Sektionen, die den sechs Phasen im Leben und Schaffen Pasolinis entsprechen. Sie beginnt mit seiner Ankunft in Rom am 28. Januar 1950 und schließt mit dem 2. November 1975, als sein lebloser Körper in der Nähe von Ostia aufgefunden wurde. Für Pasolini war Rom nicht einfach nur Hintergrund und Ort zum Leben. Rom hatte eine geradezu physische, sinnliche und leidenschaftliche Existenz. Für den Künstler war Rom wie eine große Liebesgeschichte mit ihren Enttäuschungen, gemischten Gefühlen von Liebe und Hass wie auch Phasen der Anziehung, Ablehnung und Entfremdung. Für Pasolini, den Analytiker der Entwicklung der italienischen Gesellschaft, war Rom sein wichtigstes Observatorium, ein immerwährender Ort des Studiums, des Nachdenkens und des Kampfes. Die Wandlungen der Stadt prägten seine Analyse der Wandlungen Italiens und der Italiener in den 1960er und 1970er Jahren. Es gibt ein Rom vor und ein Rom nach Pasolini. Seine Artikel und Filme schufen für die Stadt Rom eine neue Bildsprache. Pasolini gab sich nicht damit zufrieden, die Stadt als Schauplatz seiner Romane und Filme zu verwenden; ihm gelang eine "Neuerschaffung" Roms mit den Mitteln von Literatur und Film. Wie ein großer Schöpfer erdachte er einen neuen Mythos der Polis und der Vatikanstadt, ihrer Bezirke und Bewohner. Pasolini wurde unter anderem mit Filmen wie "Accattone" (1961), "Mamma Roma" (1962), "Das 1. Evangelium – Matthäus" (1964) und "Teorema – Geometrie der Liebe" (1968) bekannt. 1969 verfilmte er "Medea" nach Euripides mit Maria Callas. Auf der Berlinale wurde der 1970 gedrehte Film "Decamerone" gezeigt. Als Schriftsteller trat er vor allem mit seinen Romanen "Ragazzi di vita" (1955) und "Una vita violenta" (1959) und später vor allem als Essayist und Lyriker hervor. Die Ausstellung "PASOLINI ROMA" ist ein gemeinsames Projekt der des CCCB - Centre de Cultura Contemporània de Barcelona, der Cinémathèque française in Paris, der Azienda Speciale Palaexpo - Palazzo delle Esposizioni und des Martin-Gropius-Bau. "PASOLINI ROMA" wurde als Projekt von der Europäischen Kommission ausgewählt und finanziert, um den europäischen, transnationalen, aktuellen Charakter von Pasolinis Werk und des Projekts selbst zu würdigen.

 

Antragsteller/in KBB - Berliner Festspiele. Martin-Gropius-Bau

Veranstaltungstermin 11. September 2014 bis 5. Januar 2015

Veranstaltungsort Martin-Gropius-Bau

Förderbetrag 195.000 €

Kooperationen In Zusammenarbeit mit dem CCCB - Centre de Cultura Contemporània de Barcelona, der Cinémathèque française in Paris und der Azienda Speciale Palaexpo - Palazzo delle Esposizioni. Mit freundlicher Unterstützung des Kulturprogramms der Europäischen Union. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie.

Internetseiten www.gropiusbau.de

School - Audiovisuelle Installation von Smadar Dreyfus

School ist eine großformatige audiovisuelle Installation, die es den Besuchern möglich macht, in das Leben an Sekundarschulen in Tel Aviv einzutauchen. Jeder der Räume dieser Installation beherbergt eine Audioaufnahme eines jeweils anderen Unterrichtsgegenstandes – Arabisch, das Bibelstudium, Biologie, Staatsbürgerkunde, Geografie, Geschichte und Literatur. Alle Räume sind durch einen zentral gelegenen Gang miteinander verbunden. Die aufgezeichneten hebräischen Stimmen werden als projizierte englische Texte visualisiert, die dem Rhythmus der gesprochenen Rede folgen. Smadar Dreyfus hat diese Aufnahmen in einem Zeitraum von zwei Jahren produziert und dafür einige säkular-staatliche Sekundarschulen besucht, die noch immer die gleiche Art von Bildung vermitteln, welche die Künstlerin in ihrer Zeit in Israel erfuhr. Sie zeichnete die Interaktion von Schülern und Lehrern in achtundsechzig zufällig ausgewählten Unterrichtseinheiten auf und stellte dann sieben für die endgültige Präsentation fertig.

 

Die Stimmen in School gehören dem an, was der experimentelle Komponist und Theoretiker Michel Chion das Akusmatische (acousmêtre) nennt. Es sind Stimmen, die man hört, doch die Körper ihrer Sprecher bleiben unsichtbar. Das verleiht ihnen den paradoxalen Status, dem Zuseher zugleich nah und fern zu sein. Sie scheinen nah, da die Stimme klingt, als befände sich die Person im Raum; und sie scheinen fern, da der Besucher die Stimme keinem Gesicht zuordnen kann. Ein solches Spiel von akusmatischen Stimmen zeichnet School als eine Weiterführung von früheren Arbeiten der Künstlerin, Lifeguards (2002-2005) und Mother’s Day (2006-2008), aus. Diese beiden Arbeiten bringen dieselbe Technik der Übersetzung von Stimmen, die in öffentlichen Räumen aufgezeichnet wurden, in Textprojektionen zum Einsatz. Doch während sich hier die räumlichen Soundaufzeichnungen mit den stummen Bildaufnahmen, die am selben Ort aufgenommen wurden, abwechseln und auf diesem Wege das Band aufgelöst wird, das für gewöhnlich Bild und Ton verbindet, geht Dreyfus mit School weiter, indem sie nun das Bild völlig verschwinden lässt. Genau diese Verweigerung des Bildes ist es, die es dem Zuhörer-Zuseher ermöglicht, einen anderen Raum und eine andere Zeit zu betreten.

 

In der Dunkelheit der Installation stößt der Besucher auf unscheinbare alltägliche Augenblicke, die auf breitere Themenfelder und Fragen wie Nationalität und Zugehörigkeit anspielen. Smadar Dreyfus vermittelt so einen Eindruck von Schule als sozialen Raum für intersubjektive und dialogische Zusammentreffen, in welchem Schüler, die alles andere als passiv sind, mit klar erkennbaren pädagogischen Techniken konfrontiert werden. Nichtsdestotrotz erscheint die Schule während dieser Unterrichtseinheiten als zentraler Ort der Disziplinarmacht, an dem individuelle Subjekte als Bürger angerufen werden. In seinem Essay mit dem Titel Ideologie und ideologische Staatsapparate aus dem Jahre 1970 identifiziert Louis Althusser die Bildungseinrichtung als eine entscheidende Institution für die Reproduktion der Ideologie. Er schreibt: „[D]ie Schule ... lehrt »Fähigkeiten«, aber in Formen, die die Unterwerfung unter die herrschende Ideologie oder die Beherrschung ihrer »Praxis« sichern.“ Smadar Dreyfus‘ Installation stimmt mit dieser Hypothese Althussers überein, doch sie weist auch auf das Maß hin, in welchem die Unterwerfung unter die herrschende Ideologie niemals vollständig ist, sondern vielmehr herausgefordert wird und fragmentarisch bleibt. Wir stoßen in School auf ein junges Erwachsenenleben, das sich als unfertiger Moment der Offenheit zeigt.

 

Smadar Dreyfus (geb. 1963) ist eine israelische Künstlerin. Sie lebt in London.

 

 

Antragsteller/in KBB - Haus der Kulturen der Welt

Veranstaltungstermin 30. Mai bis 14. Juli 2014

Veranstaltungsort Haus der Kulturen der Welt

Förderbetrag 128.000 €

Kooperationen School (2009–11) wurde von der Creative Foundation für die Folkestone Triennial 2011 beauftragt, mit großzügiger Unterstützung des Outset Contemporary Art Fund und des Arts Council England. Die Berliner Ausgabe wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Internetseiten www.hkw.de

Schwindel der Wirklichkeit

Schwindel der Wirklichkeit“ ist eine Untersuchung der Akademie der Künste zu den Interventionen und Strategien zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, Wirklichkeit zu konstruieren und zu dekonstruieren. Insbesondere durch die Entwicklung der neuen Medien von der Fotografie über das Video bis zur Digitalisierung ist die Reflexion von Wirklichkeit in den Künsten zu einem zentralen Experimentierfeld geworden. Die groß angelegte Ausstellung im Akademiegebäude am Hanseatenweg 10 zeigt Arbeiten an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Simulation: historische und aktuelle Closed-Circuit-Installationen, Spiegelarbeiten, Partizipationsprojekte und Games von 44 Künstlern, darunter Marina Abramović, Alexander Bruce, Peter Campus, Thomas Demand, Olafur Eliasson, Valie Export, Christian Falsnaes, Harun Farocki, Hamish Fulton, Jochen Gerz, gold extra, Dan Graham, Magdalena Jetelová, Bjørn Melhus, Bruce Nauman, Julian Oliver/Danja Vasiliev, Trevor Paglen, Nam June Paik, Tino Sehgal, Thomas Wrede. Die Eröffnung von „Schwindel der Wirklichkeit“ am 16. September, 19 Uhr, ist zugleich die Eröffnung der Berlin Art Week, deren Partner die Akademie der Künste ist.

Antragsteller/in Akademie der Künste

Veranstaltungstermin 16. September bis 14. Dezember 2014

Veranstaltungsort Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Förderbetrag 150.000 €

Kooperationen Europäische Medienwissenschaft, FH / Universität Potsdam Center for Art, Design and Visual Culture, University of Maryland, Baltimore County A MAZE. Karin und Uwe Hollweg Stiftung, Yamaha Music Europe GmbH, Botschaft des Königreichs der Niederlande, JBB Rechtsanwälte Berlin

Internetseiten www.schwindelderwi...klichkeit.de

Sensing the Future: László Moholy-Nagy und die neuen Medien

In einer breiten Palette der unterschiedlichsten Medien, von Gemälden und Skulpturen über Fotografien, Fotogramme und Grafiken hin zu Filmen, Licht- und Geräuschinstallationen, Tasttafeln sowie Handskulpturen, präsentiert die Ausstellung das umfangreiche Wirken László Moholy-Nagys, eines der zentralen Künstler des 20. Jahrhunderts.

 

Im Mittelpunkt steht dabei erstmals die faszinierende Auseinandersetzung Moholy-Nagys mit den vielfältigen neuen Medien seiner Zeit und ihrem Einfluss auf unsere Sinneswahrnehmungen. Alle Menschen, insbesondere auch jenen mit Sinnesbeeinträchtigungen, sollen durch die von ihm geforderte Sinnesschärfung in der Ausstellung Zugang zu neuen Perzeptionsebenen erhalten.

 

Moholy-Nagy sah die Künste in ihrer Mannigfaltigkeit als das Werkzeug, um die Sinneswahrnehmungen des Menschen zu beeinflussen und zu verändern und ihn dadurch für eine zunehmend technologisierte Welt zu rüsten und

ihm ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Seine visionäre und experimentelle Annährung an Medien und Materialien, seine

Interdisziplinarität und -medialität, sein Interesse an Wahrnehmung und seine Haltung gegenüber Kunst als Informationsmittel nehmen in

einzigartiger Weise zentrale Aspekte der heutigen künstlerischen Praxis vorweg. Die Aktualität seiner visionären Fragestellung verdeutlichen

Arbeiten bedeutender internationaler Medienkünstler, die damit nicht nur einen weiteren Zugang zum Werk Moholy-Nagys erschließen, sondern auch zur kritischen Auseinandersetzung mit neuen Medien in unserer Zeit anregen.

 

Die facettenreiche Medienkunst Moholy-Nagys ebenso wie die Arbeiten zeitgenössischer Künstler wirken unmittelbar auf die unterschiedlichen

Sinne des Besuchers auf akustischer, visueller, taktiler und olfaktorischer Ebene und vermitteln dadurch in einer Erlebniswelt neue Zugänge zur Kunst für Menschen mit und ohne Sinnesbeeinträchtigungen.

 

 

Antragsteller/in Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung

Veranstaltungstermin 8. Oktober 2014 bis 12. Januar 2015

Veranstaltungsort Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Klingelhöferstr. 14, 10785 Berlin

Förderbetrag 200.000 €

Kooperationen Hauptstadtkulturfonds Berlin Art Mentor Foundation Lucerne Salgo Trust for Education New York Plug Institute Institute of Contemporary Art, Winnipeg, Kanada The Moholy-Nagy Foundation, Inc., Michigan, USA University of Manitoba, Kanada Social Sciences and Humanities Research Council, Kanada Botschaft von Kanada Allgemeiner Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin Jugend im Museum Medienpartner: Domus H.O.M.E. Photo International

Internetseiten www.bauhaus.de

Porträt László Moholy-Nagy, 1926, Foto: Lucia Moholy Bildnachweis: Bauhaus-Archiv Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn

László Moholy-Nagy, Stefan Sebök (Zeichnung), Die Mechanik des Lichtrequisits, 1930 Bauhaus-Archiv Berlin, Foto: Fotostudio Bartsch © VG Bild-Kunst, Bonn

László Moholy-Nagy, Konstruktion Z VII, 1926 Bildnachweis: National Gallery Washington © VG Bild-Kunst Bonn

Stefan Panhans - Too much change is not enough

Seit der Jahrtausendwende befinden wir uns am Wendepunkt eines historischen Medienbruches. In solchen Zeiten – die auch frühere Jahrhunderte erlebten – entwickelt der Mensch einen radikal neuen Subjektbegriff. Am Übergang von der analogen zur digital globalisierten Medienwelt beobachtet Panhans die besonders porös gewordenen Grenzen zwischen innen und außen, zwischen privat und öffentlich. Bei der inzwischen erreichten Volltransparenz der Person konstatiert er eine paranoide Grundstruktur von Subjektivität, die er mit klarem Blick für die Zwänge und Ängste unserer Zeit herausarbeitet: ohne Schnitt, ohne Zoom, ohne Schwenk.

 

Anlässlich der Berlinale zeigt das Haus am Waldsee das gesamte bisherige Videowerk des 1967 im Rheinland geborenen und heute in Berlin lebenden Video- und Fotokünstlers Stefan Panhans. In einer radikalen Anordnung, die das gesamte Haus füllt, reflektiert Panhans Zustand und Wirkung digitaler Medien auf die Identitätsbildung jüngerer Generationen.

 

Der Künstler inszeniert seine Videosequenzen gern in bühnenartigen Räumen: Autos, Zugabteilen, Sportstudios oder auch in der nächtlichen Abgeschiedenheit eines Lagerfeuers am Strand. Sein Fokus liegt auf Texten und Körpersprachen, die den alltäglichen Irrsinn unserer Überinformationsgesellschaft poetisch und mit viel Tempo und Humor verdichten. Panhans Quellen sind neben der eigenen Wahrnehmung vor allem Blogs, Chats, Facebook und alle Medien, die auf ihren Seiten das Konsum-, Wellness- und Showbusiness bedienen. „Too much change is not enough“ ist die erste institutionelle Einzelausstellung von Stefan Panhans in Berlin.

 

Panhans beobachtet seine Protagonisten meist in beengten Situationen, in denen sie ganz bei sich sind, und eine gewisse Besessenheit durch Sprache oder Selbstoptimierungs-Körpertraining zum Vorschein kommt. So zählt eine junge Frau Speiseangebote auf und beendet ihren rasanten Text mit einer ausgleichenden Yogaübung, so als neutralisiere sie durch Dehnübungen die zu schnell gesprochenen Worte. In der Arbeit „40 Zimmermädchen“ von 2007 sitzt eine junge Frau kerzengerade im Politessenkostüm am Lagerfeuer und macht sich über ihren ayurvedischen Ernährungstyp Gedanken. Sie ist die Heldin eines zeitgemäßen Frauenbildes. Ihr gegenüber sitzt der Antiheld aus einem Westernmärchen, der mit zerzausten langen Haaren, einen Stock schnitzend, elektronische Botschaften aus dem Off zu erhalten scheint. Beide sind wie an unsichtbare Datennetze angeschlossen. Angesichts dieses ungleichen Paares wird dem Betrachter auf erschreckende Weise klar, wie tief er selbst bereits in der Absurdität des von außen bestimmten Lebens verstrickt ist.

 

Technisch bevorzugt Panhans Standkameras, vor denen sich das Geschehen lakonisch entfaltet. Es gibt keinen Schnitt, keinen Schwenk, keinen Zoom. Nur im Hintergrund rieselt der Schnee, flackert das Feuer, fährt ein Auto vorbei, drängen Menschen durch schmale Zugabteile. Jegliche Handlung scheint aufgehoben. Der übliche Schock-Charakter des schnellen Bildschnittes bleibt aus. Es entsteht eher ein »Zeitbild« als eine herkömmliche Filmnarration. Damit sind Bild und Text in ihrer Funktionsweise vertauscht: die Sprache wird zur bildgebenden Instanz. Über die Sprache fördert Panhans das Unbewusste zu Tage. Das Gesprochene ähnelt dabei dem Formen von Gedanken, dem Alogischen des Traums oder automatischen Gedankenniederschriften in unterschiedlichen Tempi: gereiht, beschleunigt, fragmentiert oder montiert.

 

In der Ausstellung sind Videoarbeiten aus den letzten zehn Jahren zu sehen, die zum Teil für das Haus am Waldsee neu entstehen.

 

Antragsteller/in Haus am Waldsee - Internationale Kunst in Berlin

Veranstaltungstermin 19. Januar 2014 – 16. März 2014

Veranstaltungsort Haus am Waldsee - Internationale Kunst in Berlin, Argentinische Allee 30, 14163 Berlin

Förderbetrag 60.000 €

Kooperationen Medienkooperationen: Monopol – Magazin für Kunst und Leben, H.O.M.E., flair

Internetseiten www.hausamwaldsee.de

Stefan Panhans »The Long Goodbye (Pre-Afterwork-Ok-Clubset)V«, Video, 2013, Videostill Courtesy: Stefan Panhans / FELDBUSCHWIESNER, Berlin / Galerie Dorothea Schlueter, Hamburg

Stefan Panhans »Sieben bis Zehn Millionen«, Video, 2005, Videostill Courtesy: Stefan Panhans / FELDBUSCHWIESNER, Berlin / Galerie Dorothea Schlueter, Hamburg

Stefan Panhans »Homestory (Il Cielo In Una Stanza), Video, 2012, Videostill Courtesy: Stefan Panhans, Galerie Feldbuschwiesner, Berlin / Galerie Dorothea Schlueter, Hamburg

Vanitas - Ewig ist eh nichts

Vanitas – Ewig ist eh nichts

 

Große Sommerausstellung des Georg Kolbe Museums zur Vergänglichkeit in der zeitgenössischen Skulptur von 1960 bis heute

 

Beteiligte KünstlerInnen: Paweł Althamer, Mona Hatoum, Jeppe Hein, James Hopkins, Alicja Kwade, Dieter Roth, Tomás Saraceno, Thomas Schütte,

Roman Signer, Daniel Spoerri, Katja Strunz, Kei Takemura, Sam Taylor-Johnson, Luca Trevisani, Reijiro Wada

 

Die Gruppenschau „Vanitas – Ewig ist eh nichts“ vereint Werke von 15 internationalen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit der

Endlichkeit der Dinge auseinandersetzen. Die künstlerischen Ansätze reichen von umgedeuteten Vanitas-Symbolen, über die Verwendung vergänglicher Materialien bis zu einer vollkommen neuen Ästhetik, die den Zusammenbruch zelebriert. Die Kunstwerke haben alle eines gemeinsam: Sie kommentieren eine von Krisen erschütterte Welt. Zu sehen sind Arbeiten von 1960 bis heute, unter anderem von Dieter Roth, Thomas Schütte, Alicja Kwade, Mona Hatoum oder Tomás Saraceno. Die große

Sommerausstellung des Georg Kolbe Museums wird mit einem Sommerfest am Samstag, den 14. Juni, ab 19 Uhr eröffnet.

 

Die Ausstellung wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

 

„Das Georg Kolbe Museum zeigt erstmals eine umfassende Schau zum Thema Vanitas in der gegenwärtigen Bildhauerei. Die Ausstellung geht der Frage nach, warum das barocke Thema bis heute nicht an Aktualität verloren hat. Gleichzeitig bildet sie auch den Auftakt unseres neuen Programmschwerpunkts zur zeitgenössischen Skulptur“, so die Direktorin des Georg Kolbe Museums Dr. Julia Wallner.

 

Das Thema „Vanitas“ (lateinisch: leerer Schein, Eitelkeit, Nichtigkeit) ist seit dem Mittelalter fester Bestandteil des westlichen Kunstkanons

und erfuhr in den Vanitas-Stillleben des Barock, insbesondere in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts, seinen Höhepunkt. Die klassischen

Symbole – wie zum Beispiel Totenschädel, verwelkte Blumen, erlegte Jagdtiere oder erloschene Kerzen – stellten für die damaligen Betrachter gut lesbare Verweise auf die Vergänglichkeit alles Irdischen dar. Verknüpft waren damit Botschaften, die zur Mäßigung und Hinwendung zum christlichen Glauben aufrufen sollten.

 

Das Thema Vanitas spielt in der Kunst seit 1960 erneut eine wichtige Rolle. Dabei greifen Künstler häufig auf symbolisch aufgeladene,

klassische Vanitas-Motive zurück, die – in den zeitgenössischen Kontext übertragen – die Endlichkeit des (eigenen) Seins und das gebrochene Vertrauen in gültige Aussagen über den Zustand der Welt angesichts von zahlreichen Krisenphänomenen reflektieren.

 

In seiner Vanitas-Serie ordnet der britische Künstler James Hopkins (geb. 1976) typische Gegenstände, die wie in „The Dance of Death” (2014) in einem Jugendzimmer zu finden sind,

zu einem überdimensionalen Totenkopf. Darunter mischt er viele zeitgemäße Vanitas-Symbole, zum Beispiel einen Plattenspieler oder einen Verstärker. Sam Taylor-Johnson (geb. 1967) erweckt ein Vanitas-Gemälde zum Leben: Der Film „A Little Death“ (2002) führt dem Betrachter die

Verwesung eines Hasen in Zeitraffer vor Augen und radikalisiert mithilfe des bewegten Bilds die Aussage eines barocken Stilllebens. Der

Bildhauer Thomas Schütte (geb. 1954) hingegen arbeitet immer wieder an neuen Versionen seines Selbstportraits. Im Georg Kolbe Museum wirft er

mit „Me“ (2007–2009) einen Blick zurück in die unmittelbare Vergangenheit und verweist mit der Totenmaske gleichzeitig auf sein zukünftiges Schicksal.

 

Durch die Verwendung von vergänglichen bzw. ephemeren Materialien wird die zeitliche Begrenztheit von Kunstwerken und ihren Aussagen

verdeutlicht. Mit Dieter Roth (1930–1998) und Daniel Spoerri (geb. 1930) sind gleich zwei Protagonisten aus den 1960er-Jahren vertreten, die sich diesem Thema mit viel Sinn für Humor nähern: Dieter Roth benutzt echte Köttel für seinen „Karnickelköttelkarnickel“ (ab 1972), während Daniel Spoerri die Reste eines gemeinsamen Essens mit dem isländischen

Künstler Érro auf der Tischplatte fixiert und als „Fallenbild“ (1964) um 90 Grad gedreht in den Ausstellungsraum bringt. Mit Lebensmitteln

arbeitet auch der japanische Künstler Reijiro Wada (geb. 1977). Im Laufe der Ausstellung kann man den Früchten von „Freeze“ (2006), die zwischen drei keilförmig zulaufende Glaswände geworfen wurden, in Echtzeit beim Verfaulen zusehen. Die Arbeit enthält auch eine Kritik an der heutigen Überflussgesellschaft und deutet damit das barocke Thema neu.

 

Der Zweifel an einem christlich geprägten Vanitas-Begriff führt auch zu einer neuen Sicht auf Vergänglichkeit. Der Zusammenbruch stellt dabei

keine Bedrohung mehr dar, sondern wird mit einer neuen Ästhetik zelebriert, so zum Beispiel bei Luca Trevisani (geb. 1979). Der italienische Bildhauer friert Paradiesvogelblumen ein und benennt seine aufwendige Installation nach James Hiram Bedford. Im Jahr 1967 löste der an Lungenkrebs erkrankte Psychologie-Professor einen Skandal aus: In Hoffnung auf spätere Wiederbelebung und wundersame Heilung ließ Bedford seinen Körper einfrieren. Die eigens für die Ausstellung entstandene Installation von Alicja Kwade (geb. 1979) stellt den zeitlichen Aspekt von Vergänglichkeit in den Vordergrund: Sie ließ eine Kaminuhr in einem langsamen Prozess zu feinem Pigmentstaub zermahlen und präsentiert deren Reste. Was bleibt, sind poetische Spuren einer zerfallenden gegenständlichen Welt.

 

Die neue Poesie des Zusammenbruchs feiert auch der Künstler Tomás Saraceno (geb. 1973). In seiner für das Georg Kolbe Museum entwickelten Installation ließ er lebendige Spinnen dreidimensionale Netze von anmutiger Schönheit bauen. Trotz des widerstandsfähigen Materials des

Spinnfadens wirken die Spinnennetze in ihrer Differenziertheit und Komplexität fragil. Gerade darin spiegeln sie den Zustand der Welt wider, die sich nicht mehr auf verbindliche Sicherheiten verlassen kann, sondern von fluiden Verbindungen geprägt ist. Auch die Japanerin Kei Takemura (geb. 1975) thematisiert in ihren Arbeiten die Gegensätze zwischen Zerbrechlichkeit und Stabilität. Der japanischen Tradition folgend, nach der zerbrochenes Geschirr mit Japanlack und Goldfolie geklebt wird, um sie über Generationen zu erhalten, stickt Takemura die Bruchstellen von Porzellangefäßen mit Seide nach. Sie macht so die Wunden sichtbar und konserviert gleichzeitig einzigartige Familienstücke.

 

Gerade diese neueren, poetischen Skulpturen, die sich mit Vergänglichkeit beschäftigen, scheinen der Krisenstimmung unserer Zeit etwas entgegen zu setzen zu wollen. Den Betrachter fordern sie zu einem Perspektivwechsel auf.

 

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

 

 

Künstlerische Leitung: Dr. Julia Wallner, Direktorin des Georg Kolbe

Museums, Berlin

Kuratorinnen: Nathalie Küchen, Sandra Brutscher, Wissenschaftliche

Assistentinnen des Georg Kolbe Museums, Berlin

 

Katalog: „Vanitas – Ewig ist eh nichts“ herausgegeben vom Georg Kolbe Museum, mit Texten von Michael Glasmeier, Nathalie Küchen, Sandra

Brutscher und Julia Wallner. Ca. 105 Seiten, 15 €

Antragsteller/in Georg Kolbe Museum - Dr. Julia Wallner

Veranstaltungstermin 15. Juni – 31. August 2014 Eröffnung: Samstag, 14. Juni 2014, 19 Uhr mit einem Sommerfest

Veranstaltungsort Georg Kolbe Museum

Förderbetrag 50.000 €

Kooperationen Medienpartnerschaft mit Zitty Berlin

Internetseiten www.georg-kolbe-museum.dehttps://de-de.face...gKolbeMuseum

Ausstellungsplakat mit einem Detail der Arbeit James Hiram Bedford (2013) von Luca Trevisani © Mehdi Chouakri, Berlin, Foto © Katharina Kritzler, Berlin Gestaltung: Ta-Trung, Berlin

James Hopkins: The Dance of Death, 2014, Mixed Media, 260 x 183 x 35 cm © James Hopkins, Foto: Nathan Spencer