Dancing with myself - Musik, Geld und Gemeinschaft nach der Digitalisierung

Dass die Tonträgerindustrie in einer Absatzkrise steckt, ist heute Folklore. Unbezahlte Downloads und Plattensammlungen im Taschenformat sind ihre Fanale. Der Kollaps an den Finanzmärkten mag dramatischere Folgen zeitigen als die

Umwälzungen in der Musikwelt. Doch beide Entwicklungen bringen Erzählungen mit religiösen Obertönen hervor. So werden die Krisen sowohl im Aktienhandel wie auch am Tonträgermarkt oft wie Naturereignisse beschrieben, als „reinigende Gewitter“, welche die Katharsis als metaphysische Notwendigkeit bereits in sich tragen. Schwingt nicht in der verbreiteten Häme gegen den Niedergang der großen Musikkonzerne, aber auch in der heimlichen Freude, mit der Linke den Absturz der Geldkreisläufe begleiten, die Hoffnung mit, die Verhältnisse werden sich

von selbst wieder zum Besseren wenden? Drückt sich nicht gerade darin ein überraschendes Gottvertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes aus? Im Musikmarkt verkündet das Heil der gleiche Agent, der die Krise herbeigeführt

hat: die Digitalisierung. Die kostengünstige Lagerung und Distribution im Internet sind das neue El Dorado, das jeder Nische eine Überlebenschance bietet. So die Web-Euphoriker, die im Netz den Himmel der Heimwerker erkennen. Kritiker

der Digitalisierung, die ihre Mails auf Papier ausdrucken, trauern unterdessen dem Vinyl nach, dem Plastikfenster zur Seele der Gesellschaft. Beide Konfessionen – Progressive um jeden Preis, Nostalgiker aus Not – sind nicht frei von mythologischem Denken. Unstrittig dürfte indes sein, dass die von der Digitalisierung ausgelöste Erosion des Tonträgermarktes und anrainender Geschäftszweige das Symptom einer fundamentalen Krise in der Wertschöpfung von Musik ist. Je weniger die Relation zwischen ihrem finanziellen Wert – den Betrag, den Hörer für eine Tonaufnahme zu zahlen bereit sind – und ihrem „ideellen“ Wert zu einem funktionierenden Marktgeschehen

führt, desto stärker ist sie auf andere Einnahmeformen angewiesen.

Das Verhältnis von Musik zur Massenkultur und damit auch ihre Teilhabe an sozialer Mobilität scheint sich grundlegend zu verändern. Im Zeitalter der Digitalisierung droht eine tiefe ästhetische Kluft, die eine soziale bloß noch spiegelt. Auf der

einen Seite des Spektrums gibt es die Billigware, die sich nach wie vor über Verkäufe finanzieren lässt und ihre Vollendung im Klingelton findet. Auf der anderen floriert ein musikalischer High-End-Bereich für einen Rezipientenkreis mit hohem

Bildungsgrad und entsprechender Finanzkraft, der zunehmend an die pekuniären und kulturellen Ökonomien in Theater und Bildender Kunst angeschlossen ist. Was einst dazwischen lag, war das universale Versprechen von Popmusik.

Das Themenwochenende „Dancing With Myself – Musik, Geld und Gemeinschaft nach der Digitalisierung“ bietet ein Diskussionsforum über eine Zukunft, die längst begonnen hat. Fernab vom Lamento über sinkende Umsatzzahlen und

fernab der Themenkataloge einschlägiger Branchentreffen wollen wir mit einer Fülle von Vorträgen, Talkrunden, Konzerten, Performances und Partys sowie ausgesuchten Filmen die kulturtheoretischen Implikationen der Digitalisierung

von Musik erörtern.

Welche Auswirkungen hat die Loslösung der Musik vom materiellen Festkörper und ihre Diffusion ins Reich der Immaterialität auf ihren Warencharakter und ihre

Vertriebswege, auf die durch sie hergestellte Öffentlichkeit und auf ihre ästhetische Entwicklung? Kann man in den schönen neuen Nischen abseits des ehemaligen Mainstreams tatsächlich überleben? Oder werden wir gerade wieder Zeuge einer

breiten Amateurisierung des Musikmarktes, der nur noch die wenigen verbliebenen Akteure des Starsystems ernähren kann?

Wie der bewusst polemisch gehaltene Tagungstitel – „Dancing With Myself“ – nahelegt, bringt die Digitalisierung auch die Sorge um die Vereinzelung des Geschmacks mit sich. Wenn im Internet jeder seine eigene Radiostation zusammenstellt, hört man irgendwann nur noch seinen eigenen Vorlieben zu. Die

Konsequenz der vollendeten Zielgruppenoptimierung ist das restlos individuierte Werbeprofil. Umgekehrt tragen Internet-Wahlkämpfe und Facebook-Gruppen – die von David Plouffe konzipierte Kampagne für Barack Obamas Bewerbung

um das Amt des US-Präsidenten belegt dies eindrucksvoll – offenbar auch ein Mobilisierungspotential in sich, das durchaus die Geburt neuer Gemeinschaften einleiten kann.

Insofern wird es bei dem Themenwochenende „Dancing With Myself“ darum gehen, am Beispiel der Musik konkret nach den sozialen, politischen und ästhetischen Effekten zu fragen, die durch diese paradoxe Gleichzeitigkeit von Vernetzung und

Vereinzelung jeweils entstehen. Tanzen kann man notfalls in der Tat alleine. Reden sollte man aber mindestens zu zweit. Gerade heute, nach der Digitalisierung.

Christoph Gurk // Tobi Müller, Kuratoren „Dancing With Myself“, Dezember 2008

Detailliertes Programm auf der Webseite

Antragsteller/in Hebbel-Theater Berlin GmbH

Veranstaltungstermin 16. bis 18. Januar 2009

Veranstaltungsort HAU 1, 2 und 3

Förderbetrag 80.000 €

Kooperationen Medienpartner: Die Tageszeitung, Zitty Berlin, Spex und ExBerliner

Internetseiten www.hebbel-am-ufer.de

Titelseite Festivalzeitung Zeichnung von Stefan Glerum

v.l.n.r. Tobi Müller, Jacques Attali, Branden Joseph, Christoph Gurk im Gespräch am 16.1.2009 im HAU 1 Foto: Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

micro research institut

Das xxxxx micro research instititut ist ein unabhängiges Research Zentrum in Berlin, mit einem zentralem Fokus auf der Anwendung und Entwicklung von Freier Software und Open Hardware innerhalb eines interdisziplinärem Kontextes.

 

Das Forschungsfeld des Labors definiert sich schlicht als eine aktive Untersuchung und Hinterfragung von Technologie, und diesbezüglich der Erarbeitung neuer Definitionen auf der Grundlage von zweierlei Komponenten: Software und Hardware. Dieses Kernanliegen erstreckt sich dabei vorallem über Wissenschafts,- und Kunstbereiche mit dem ausdrücklichen Schwerpunkt auf der Erforschung und Ermittlung einer neuen, radikalen Disziplin als Resultat beider Gebiete.

 

Hauptforschungsfelder beinhalten neben "Freier Software und Open Hardware", eine "Wissenschaft als Fiktion", "Praktische Endophysik", "Politik und Onthologie elektromagnetischer Phänomene" und, als eine neue Disziplin, "Digitale forensische Ermittlungstechnologien" [aka Digital Forensics].

 

Die Research-Methodologie knüpft dabei an unseren vorangegangenen, bereits realisierten Projekten und Forschungen an, mit dem steten Fokus auf Austausch und offenen Diskurs: Internationale, interdisziplinäre Events (wie beispielsweise die sehr grossformatig angelegte Veranstaltungsreihe "crash" bzw, "xxxxx" in London/UK, Bergen/Norwegen und Berlin), die Umsetzung ausführlicher online Dokumentationen unter Anwendung von CMS (Content Management System), "Print On Demand" (POD) Publikationen wie "[the] xxxxx [reader]", und schliesslich die fortlaufende, praktisch orientierte, sogenannte "Hands-On" Workshop Reihe. Eine weitere, sehr essenzielle Komponente unserer Aktivitäten ist die Entwicklung und Anwendung Freier Software und Open Hardware Projekte innerhalb eines Gemeinschafts - "Community" Kontextes.

 

Das angestrebte Format des Forschungszentrums stellt sich in diesem Rahmen als unabhängig, mit minimaler finanzieller Belastung und mit einem möglichst geringem Kostenaufwand für alle Beteiligten vor, inspiriert durch die sog. DIY [Do It Yourself] Kultur in der unsere bisherigen Veranstaltungen und zudem der Grossteil unserer Teilnehmer verwurzelt sind.

 

Die Aktivitäten des für ein Jahr geplanten Projektes sind wöchentliche Workshops (siehe unten) mit eingeladenen, internationalen Workshop Leitern und Teilnehmern, mehreren Kurzzeit Residenzen im Rahmen eines offenen Labors, monatliche, öffentliche Salons im Kontext fortlaufender Forschungs,- und Entwicklungsstudien und schliesslich eine grössere, umfassende, öffentliche Veranstaltung. Parallel dazu wird sich das geplante Research Zentrum mit zwei "Community" Projekten befassen; einem Projekt im Bereich der Software Entwicklung: "Ein Operating System für Künstler" und des weiteren einem Open Hardware Projekt in Form einer vernetzten Radio Plattform für Künstler.

 

Alle Veranstaltungen und Research Ergebnisse werden online unter freier Lizens (GPL) dokumentiert und in einer einmaligen Print on Demand (POD) Publikation veröffentlicht. Ferner werden die hier erzielten Ergebnisse und Erfahrungen, durch die regelmässige Teilnahme an Events (Vorträge, externe Workshops, Festivals) bzw. die Organisation von Veranstaltungen bzw. Kooperation mit anderen Veranstaltern international ausgetauscht und somit einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Wie sich aus unseren zahlreichen, vorrangehenden Workshops und Veranstaltungen herausgestellt hat, lässt sich das Publikum schwer auf nur eine spezifische Zielgruppe festlegen und ist daher breitgefächert, bestehend aus Audio,- und Medienkünstlern, Musikern, Technologen, ebenso wie Programmierern, Aktivisten, Hackern, Mikro-Radio Enthusiasten, Schrifstellern, Theoretikern und Studenten jeglichen Alters und Genders.

 

Antragsteller/in Martin Howse

Veranstaltungstermin 1. Januar bis 31. Dezember 2009

Veranstaltungsort Linienstrasse 54, 10119 Berlin

Förderbetrag 25.000 €

Internetseiten www.1010.co.uk/org...esearch.htmlwww.pickledfeet.com

Radio Geschichte: DT64

20 Jahre nach dem Mauerfall bietet eine vierzehnteilige, von Moritz von Rappard und Dunja Funke kuratierte Reihe Gelegenheit zur ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Jugendprogramm des Rundfunks der DDR. Ehemalige Redakteure stellen Sendungen vor, an denen sie damals beteiligt waren. Sie treffen im Dialog auf Gesprächspartner aus dem Westen. Das Spektrum reicht von Verantwortlichen aus Kultur oder Politik bis zu Journalisten und Radiomachern, denen es in ihrer Arbeit um die Entwicklung eines engagierten Jugendprogramms ging oder geht. Somit werden nicht nur rare Zeitdokumente aus dem Deutschen Rundfunkarchiv zugänglich gemacht, es besteht auch die Möglichkeit, sich in einer öffentlichen Diskussion zwischen Ost und West mit der jüngeren Mediengeschichte auseinanderzusetzen.

Antragsteller/in Moritz von Rappard

Veranstaltungstermin 16. September bis 16. Dezember 2009

Veranstaltungsort Zeughauskino

Förderbetrag 35.000 €

Kooperationen RADIO GESCHICHTE: DT64 ist ein Projekt von Moritz von Rappard in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rundfunkarchiv und dem Zeughauskino. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds. Medienpartner: Deutschlandfunk / Deutschlandradio Kultur, Freitag, die tageszeitung, zitty.

Internetseiten www.radio-geschichte-dt64.de

© Lutz Schramm